Gottfried, Gesina Margaretha

Gottfried, Gesina Margaretha

Gottfried, Gesina Margaretha, geborne Timm. Diese furchtbare Giftmischerin, deren Verbrechen eben so außerordentlich, als zur Ehre der Menschheit Ungeheuer dieser Art selten sind, war die Tochter des Schneiders Johann Timm und am 6. März 1785 als Zwillingskind mit einem Bruder geboren worden. Schon frühzeitig fing das Kind an zu stehlen. Nachdem sie dritt, halb Jahr Religionsunterricht genossen, wurde sie confirmirt, nahm aber an dieser heiligen Handlung so wenig Antheil, daß sie in spätern Jahren nur davon sprach, wie sie bei dieser Gelegenheit das erste neue Kleid angehabt. Die Jungfrau, schon und blühend, lernte bald ihren Nachbar, einen gewissen Miltenberg, kennen, mit welchem sie sich nach dem Tode seiner Frau 1806 verband. Der häusliche Friede dauerte nicht lange, da Miltenberg dem Trunke ergeben und dabei stets kränklich war. Vier Wochen nach der Verbindung machte sie beim Tanze die Bekanntschaft eines jungen Kaufmanns Gottfried und ging mit diesem insgeheim ein sträfliches Verhältniß ein. Da ihr auf diese Art der Gatte immer unausstehlicher wurde, so besuchte sie eines Tages ihre Mutter, beschwerte sich über die vielen Mäuse auf ihrer Bodenkammer und verlangte von ihr Rattengift. Nach mehreren Wochen wird dem Miltenberg ein vergiftetes Frühstück, und da dieses nicht wirkt, eine vergiftete Hafersuppe gereicht. Unter den schrecklichsten Schmerzen gibt er seinen Geist auf. Sie, die ihn in der Sterbestunde verlassen, tritt, nachdem er geendet, vom »Toilettentische geschminkt und geschmückt wie eine Siegerin mit allem erdenklichen Putze der Gefallsucht« vor ihr Opfer. 1815 erkrankte ihre Mutter. Um eine bessere Pflege zu haben, läßt sich diese zu ihrer Tochter tragen. Diese nimmt sie mit erheuchelter Liebe auf, sieht bald darauf Schiller's Räuber im Theater und wird, statt durch das gräßliche Ende des Verbrechens erschüttert und abgeschreckt zu werden, zum Muttermorde gestimmt. Unter teuflischem Gelächter reicht sie ihr eine vergiftete Limonade, worauf diese ihre Seele aushaucht; denn Vater und Mutter waren ernstlich gegen eine projectirte Verbindung mit Herrn Gottfried gestimmt. Am Tage nach der Beerdigung vergiftete sie ihr eigenes fünfvierteljähriges Kind; drei Tage darauf die älteste Tochter; denn sie hielt gleichmäßig ihre Kinder für ein Hinderniß der neu zu schließenden Ehe. So opfert sie zwei Wochen später ihren Vater, der unter den unsäglichsten Qualen vor ihren Augen endete, und nach 10 neuen Wochen ihr letztes Kind, einen Knaben von 5 Jahren, weil er in kindlicher Unschuld fragte: »Mutter, warum nimmt dir denn der liebe Gott alle Kinder?« Noch aber rastete die Hyäne nicht; sie wollte frei sein, das Leben genießen, jede hemmende Schranke sollte fallen. »Mit dem Tode ist Alles zu Ende!« Das war ihr Glaube. Ihr Bruder, ehemaliger französischer Soldat, kehrte 1816 zu ihr zurück, arm und als Krüppel. In ihm erwächst ihr eine neue Last. Sie gibt ihm Gift, er wird wahnsinnig vor Qualen und haucht unter dem Rufe:.. Vive l'Empereur!« die Seele aus. Bei allen diesen Gräuelthaten geberdete sich die Sünderin wie trostlos über ihre Verluste, heuchelte Schmerz und Vernichtung, und fand überall Trost und Mitleid als eine vom Unglück schwer Getroffene. Ihr einziges Streben ging nun dahin, den Kaufmann Gottfried zu heirathen. Durch alle Verführungskünste der Koketterie brachte sie es endlich dahin, daß Gottfried, von des Weibes schöner Außenseite gleichmäßig angezogen, wie von ihrer dämonischen Atmosphäre abgestoßen, in eine Verbindung einwilligte. Zwei Mal wurden sie an einem Sonntage proclamirt; am Montag nach diesem Sonntage empfing schon der Bräutigam die mörderische Gabe aus den Händen der Braut. Drei Tage rang er mit dem Tode, während die Mörderin Anstalten zur Trauung machte. Unter heuchlerischen Thränen steckte sie mit giftigem Finger den Trauring an seine Leichenhand. Er schleuderte ihn entsetzt zu Boden und endete unter den schrecklichsten Martern. Sie war nun Witwe und hieß Madame Gottfried Heirathsanträge, die ihr bald darauf gemacht wurden, wies sie zurück, trat aber in ein Liebesverhältniß mit einem gewissen Mosees, einem jungen, hübschen Manne. Im Sommer 1822 reiste sie nach Stade, wo sie eine unschuldige Magd durch einen falschen Eid in's Verderben stürzte, indem sie vorgab, sie sei bestohlen worden. Bald nach dieser Zeit nahte sich ihr ein Freier, Namens Zimmermann, ein Seidenkrämer. Sie erhörte, belog, bestahl und betrog ihn und vergiftete ihn nach der Verlobung. Nachher reiste sie, um sich zu zerstreuen, nach Hannover, schrieb von dort aus viele Briefe und Stammbuchblätter an ihre Bekannten, lebte auf vornehmem Fuße, prunkte mit poetischen Redensarten, spielte die Sentimentale und trug dabei den Teufel im Herzen. Nach Bremen zurückgekehrt, sank sie auf ihrer unsittlichen Bahn noch eine Stufe tiefer; sie ergab sich dem Trunke. Von einer zweiten Reise von Hannover (1821) zurückgekommen, vergiftete sie ihre Freundin Lucie Meierholz. Diese kam an einem Donnerstage zum Besuch zu ihr; Tags zuvor waren beide noch im Theater gewesen; sie reicht dem guten Mädchen einen vergifteten Zwieback und ein Glas Wein. Lucie geht gleich darauf fort, um eine Musikstunde zu geben, womit sie ihren alten, blinden, achtzigjährigen Vater ernährte. Schon auf der Straße wirkte das Gift, sie mußte nach Hause eilen, wie Dolchstiche durchwühlt es sie, am fünften Tage nach Empfang der tödtlichen Gabe nimmt sie der Tod in seine Arme. Mit der größten Raubgier fiel nun die Mörderin, die stets am Krankenbette der Unglückseligen gewacht hatte, über den Haushalt des blinden Greises her, plünderte Kisten und Schränke, und nahm dem Alten, dem sie das Licht seines Lebens, seine Ernährerin, somit Alles, Alles geraubt hatte, noch das letzte Stück Brod unter heuchlerischem Troste aus den zitternden Händen. Kurz nach dieser, auch das Gefühl eines Huronen erschütternden That hörte sie einen berühmten Kanzelredner im Dome predigen. Er sprach am Charfreitag vom Tode des Heilands und erschütterte alle Gemüther. Nur sie blieb ungerührt. »Mit dem Tode ist Alles aus!« rief sie; die göttliche Trösterin Religion übte keine Macht mehr aus über das sündige, tiefgesunkene Weib. 1825 gab sie ihrem Geliebten Mosees eine Dosis Gift, nachdem sie sich vorher das Beste seines Vermögens hatte schriftlich versichern lassen. Er starb und die Hyäne weinte Thränen des Schmerzes um ihn. Noch immer war sie schön und fand Anbeter, die ihr bereitwillig Geld vorstreckten; aber ihr unordentlicher Lebenswandel stürzte sie in Schulden und sie sah sich genöthigt, ihr Haus zu verkaufen. Sie wurde mit dem Rademacher Rumpf um den Preis von 8000 Thlr. einig. Daran knüpfte sie aber die Bedingung, lebenslänglich im Hause wohnen zu dürfen. Bald darauf fiel es ihr ein, das Haus könne leicht durch einige Vergiftungen wieder ihr Eigenthum werden. Die erste günstige Gelegenheit bot die Niederkunft der Frau des Rademachers dar. Am 9. December 1826 empfing diese das tödtende Mittel; 14 Tage später lag das junge, blühende Weib, das kaum die Freuden der Ehe genossen, schon im Sarge. 1827 vergiftete sie ihre langjährige, treue Dienstmagd und deren Kind, um sie dessen zu berauben, was sie redlich bei ihr im Schweiße des Angesichtes sich erspart. Sie reiste abermals nach Hannover, wo sie einen Freund, Namens Klein, vergiftete und dessen Hausgenossen bestahl. Zurückgekehrt nach Bremen, häufte sie zwecklos Gräuel auf Gräuel, spukte wie ein rasender Dämon im Hause umher, bestahl Gesellen, Dienstmägde und Alle, die im Hause wohnten, und war eben, an ihrem Geburtstage den 6. März im Begriff, ihren Hausherrn Rumpf durch ein Stück Speck zu vergiften, als die Nemesis unsichtbar auftauchte und ihr in den mordgeübten Arm fiel. Sie gerieth in die Falle, welche ihr Rumpf gelegt, wurde entdeckt, gefänglich eingezogen und in einer langen Untersuchung kam das Gewebe ihrer Gräuelthaten an den Tag und entwirrte sich immer fürchterlicher Das Todesurtheil wurde. am 18. September 1830 über sie ausgesprochen und am 21. April 1831 vollzogen. Sie zeigte nur wenig Reue, Religion wohnte nicht in ihrem Busen, für ihre liebevolle, tröstende Stimme war ihr Herz zu abgestumpft. Nur nächtliche Visionen peinigten sie während ihrer Gefangenschaft und erschütterten sie sichtbar. Sie starb, ein grauenhafter Anblick für den fühlenden Menschen, nachdem sie ruhig und ohne Beben ihr Todesurtheil angehört, an einem schönen Frühlingsmorgen von Henkershand. Ihr Haupt fiel unter dem herzlosen Jubel einer rohen Volksmenge.

–n.


http://www.zeno.org/DamenConvLex-1834.

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