Lätitia Bonaparte

Lätitia Bonaparte

Lätitia Bonaparte. Die Niobe unsers Jahrhunderts, die Mutter des Cäsars, der, wie ein gewaltiges, gefürchtetes Meteor, durch die Weltgeschichte ging, jene Frau, welche sich und ihre zahlreiche Familie von dem Schicksale auf den Zenith irdischer Größe erhoben sah, aber auch bestimmt war, diesen Riesenbau stürzen zu sehen und unter seinen Trümmern, ein entlaubter Baum, noch lange Jahre zu vegetiren. Rings um sie sterben blühende Kinder und Enkel, selbst ihre letzte Hoffnung, ihr Liebling, der einzige Sprosse des Helden, der Herzog von Reichstadt, sinkt in der Blüthe seiner Jahre in das Grab, und dennoch können alle diese Stöße die gewaltige Lebenskraft der einstigen Kaiserin Mutter Napoleon's nicht brechen. Diese Mutter so vieler Könige und Fürsten, geb. zu Ajaccio den 24. August 1750 als Dlle. Lätitia Ramolini, starb den 2. Februar 1836 in Rom nach der Kunde vom Tode ihrer geliebtesten Schwiegertochter, Katharina, Fürstin von Montfort. Ihre Geschichte schließt sich an die ihrer Familie, und wir können deßhalb nur einen kurzen Abriß ihres eigenen Lebens, so weit es dessen Verhältnisse selbst betrifft, geben. Frühzeitig wurde sie Witwe des Tribunalassessors Bonaparte zu Ajaccio. Er hinterließ sie arm, als Mutter von 8 Kindern, für deren beste Erziehung zu sorgen von nun an die höchste Aufgabe ihres Lebens war. An dem französischen Gouverneur von Morboeuf fand sie einen Gönner, und durch seine Begünstigung kam ihr zweiter Sohn Napoleon in die Militairschule zu Brienne. Was er von hier aus wurde, erzählt seine Geschichte. Lätitia flüchtete, als die Engländer 1793 Corsica eroberten, nach Marseille, wo sie zurückgezogen nur der Erziehung ihrer Kinder und in der zärtlichsten Mutterhoffnung auf sie lebte. Nachdem der Imperator aber die Krone Frankreichs auf sein Haupt gesetzt, berief er sie nach Paris, gab ihr einen eigenen Hofstaat und den Titel Kaiserin Mutter. Während Alles sich vor dem neuen, allgewaltigen Meteore beugte, blieb sie stets in dem Verhältniß der Mutter zum Sohne, und als ihr ein Mal in Folge des Hofceremoniels zugemuthet wurde, des Kaisers Hand zu küssen, umarmte sie den Sohn des Glückes und sagte: »Ich bin Deine Mutter, ich trug Dich unter dem Herzen, an meinem Herzen ist Dein Platz.« – Nach dem Sturze des franz. Kaiserthrones ging sie nach Rom und sah von hier aus einsam und zurückgezogen den Gang der Weltgeschichte, durchflochten von Tod und Untergang ihrer Lieblinge, an ihren Augen vorüberrollen. Zu den geistigen Leiden mischte das Schicksal noch physische; 1828 brach die hochbetagte Frau in ihrer Stube den Schenkel und die Aerzte verzweifelten an ihrer Wiederherstellung. Aber anders wollte es das Geschick, sie mußte geheilt werden, sie mußte noch den Tod des Herzogs von Reichstadt und jenen der geliebten Schwiegertochter, Katharina von Würtemberg, erleben! – Da schien ihr Leidenskelch erschöpft, und die lustigen Gruppen des römischen Carnevals sahen eines Abends einen schwarz behangenen Leichenwagen von Fackeln umgeben mühsam durch das Gedränge fahren, und in diesem Leichenwagen lag der Sarg der Lätitia Bonaparte, der Mutter jenes Kaisers, der die Welt erschütterte und verbannt auf Helena starb.

A.


http://www.zeno.org/DamenConvLex-1834.

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